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Kein Schweigen mehr!

Warum es sich nicht lohnt zu schweigen. Auch wenn es spät ist, seid wahrhaftig!


Es gab Zeiten, da war alles normal. Man studierte und hatte die üblichen Träume: seinen Weg im Leben zu finden, gesellschaftlich aufzusteigen, einen Partner zu finden, eine Familie zu gründen, Gutes für die Gemeinschaft zu tun, sein Potenzial auszuschöpfen und dann, nach einem erfüllten Leben, zufrieden von dieser Welt zu scheiden.


Und dann gibt es Zeiten, in denen nichts mehr "normal" ist. Als würde eine unbekannte Macht die Kontrolle über das Leben übernehmen, über dein Leben und das Leben der Anderer, und nichts ist mehr so, wie du es dir als junger Mensch vorgestellt hast. Ungerechtigkeit, Absurdität, Leid und Krankheit herrschen, und anstatt dass sich das Leben verbessert, gerät es in eine Abwärtsspirale – ganz ohne dass du dafür scheinbar Verantwortung trägst.


Ich hatte seit den 1990er-Jahren das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Zum ersten Mal hatte ich dieses Gefühl, als ich - Studentin der Landwirtschaft - die "Berge" weggeworfener Orangen in Griechenland sah. Nichts ist in puncto Ungerechtigkeit und Absurdität vergleichbar mit dem Anblick dieser Berge weggeworfener Orangen. Die Wirtschaft des Landes basiert ja auf der Landwirtschaft - das Leben von Griechen (oder Spanier) hängt von diesen süßen Orangen ab! Griechenland war gerade neu der EU beigetreten, und die Regierung sorgte dafür, dass die Bauern EU-Subventionen erhielten – eine Menge Geld, wer weiß, wie das zustande kam - diese Bauern produzierten die Orangen und warfen sie dann weg, und bekamen Geld für jedes Kilo, das sie abwogen. Welch´ eine Verschwendung und welch´ eine Vergiftung der Seelen der Menschen, die langsam so korrupt wurden! Noch heute werden tonnenweise Gemüse und Obst, ja sogar Wolle (in Deutschland) vernichtet, und die Leute bekommen dafür auch noch Geld. Wieso niemand tat je eine Reportage darüber? Der Filmemacher Andreas Voigt stieß bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm „Grenzland“ auf eine Schaffarm an der Oder. Die Schafzüchter vernichteten ihre produzierte Wolle, waren darüber traurig, fügten sich aber in ihr Schicksal. Schließlich erhielten sie dafür ein garantiertes Einkommen aus der EU. Die langfristige Gefahr für Land und Seele der Menschen wird sofort deutlich: Wer Güter produziert und dann Geld erhält, um sie zu vernichten, verliert nach und nach grundlegende Werte, wie die Beziehung zu seinem Produkt und die Arbeitsleistung die dahinter steckt. Man verfällt der Korruption.


Es ging ewig so weiter; und niemand kümmerte sich je um das Problem. Dreißig Jahre später hängen die berühmten Orangen Lakoniens an den Bäumen. Niemand pflückt sie mehr. Es gibt auch keine Bauern mehr; alle sind ausgewandert. Die Dörfer des Peloponnes sind verlassen. Die wunderschöne Mani-Region ist voller Dörfer, die völlig unbewohnt sind.



Ich gehe umher und denke: Du hast damals gesehen, dass etwas nicht stimmte, warum hast du nichts unternommen und vor allem warum hast du geschwiegen?


Ich wollte Opernsängerin werden. Ich verließ meine Heimat und reiste nach Italien und Österreich, um mein Studium fortzusetzen. Ich ließ das schöne Land der Philosophen hinter mir. Es zerfiel Jahr für Jahr weiter. Doch in Italien studierte ich Operngesang. Dort hatte ich, (es war um das Jahr 2000) ein anderes Erlebnis, das mich beeindruckte und mir zugleich absurd erschien.


In einer Kulturzeitschrift sah ich Anzeigen für Sänger, so als wären sie Waren zu verkaufen (Agenturen vermarkten ja ihre Waren). Das Show-business schien bei Weitem nicht so schön und idealistisch zu sein, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es ging nicht mehr nur um die Musik, das Theater, den Geist von Beethoven und Mozart, sondern ums Geschäft. Die Geldgier schien auch diesen heiligen Bereich korrumpiert zu haben. Später hätte ich noch mehr Erfahrung mit den veschriedenen Agenturen für Sänger gemacht, und beobachtet wie sie ihre "Ware" - ohne jede Liebe für die schöne Kunst der Oper, auspressten und wegwarfen. Aber ich schwieg.


Ich war jung und vertraute der Welt, reagierte nicht, äußerte meine Bedenken nicht und dachte: „Es wird sich schon alles regeln. Unsere Regierungen haben alles im Griff.“ Nichts regelte sich. 2008 brach die große Finanzkrise aus.

In Italien und Griechenland wurden im Jahr 2011 Technokraten-Regierungen eingesetzt (Monti und Papademos), die einige Zeit regierten, ohne demokratisch gewählt zu sein. Es erstaunte mich, dass niemand reagierte, als wäre es das Normalste der Welt. Und doch noch einmal schwieg ich. Meine Kollegen wurden von einem Tag zum anderen arbeitslos. Heute in Italien sind um die 30 Opernhäuser zu "lost places" verkommen.


In Italien, während meines Studiums, arbeitete ich kurzzeitig auf einem Zug. Eines Tages (es war um das Jahr 2002) jagte ein Marokkaner im Zug ein junges Paar mit einem Messer. Sie küssten sich und er fand das entsetzlich. Ich werde es nie den Schock in den Gesichtern des jungen Pärchens, die Wut und der böse Blick in den Augen des Marokkaners, die Hilflosigkeit des Polizisten vergessen. Schon damals, 2005, wimmelte es in Italien von Marokkanern und Algeriern, die die verschiedensten Verbrechen begingen, von Afrikanern, die in der Altstadt gefälschte chinesische Handtaschen verkauften um zu überleben, und afrikanische Frauen, die sich auf der Straße prostituierten. Ich sah all das und schwieg. Es erschien mir alles absurd, aber ich vertraute der Demokratie und Europa.


Deutschland war damals noch normal - Trump sagte "kriminalitäts-frei". Aber das Übel, das ich in Italien sah und über das ich schwieg, würde bald auch dieses selige Land erreichen.


De Schreeuw (Der Schrei) zu Erinnerung an den Mord Theo van Goghs
De Schreeuw (Der Schrei) zu Erinnerung an den Mord Theo van Goghs

2004 wurde Theo van Gogh von einem Islamisten in Amsterdam brutal ermordet. Die Nachricht traf mich in Italien wie ein Stich ins Herz. Wo lebte ich? Was war nur los? Wie konnte so etwas in meinem Europa passieren? Ich gründete ein Blog wo ich meine Gedanken schrieb, anonym, unter dem Pseudonym „Le Spectre de la rose", das Gespenst der Rose. Ich versteckte mich hinter Poesien und schwieg. Die Absurdität wuchs mit jedem Tag. Die Terroranschläge nahmen zu, und meine Träume von einer Bühnenkarriere verblassten langsam, obwohl ich alles versucht hatte, um alles richtig zu machen. Ich verließ das Show-Business und schuf mir meine eigene Welt, arbeitete mit guten Kollegen zusammen und gründete meine eigene kulturelle Alternative. So ließ ich die Theaterwelt ihren Niedergang fortsetzen. Schließlich ging ich selbst nicht mehr ins Theater, weil es mich überhaupt nicht mehr berührte. Alles war unecht, ja sogar skandalös. Das Publikum ging weiter in diese Richtung: ein altes, reiches Publikum, das sein Gefühl für das, was wahr und authentisch ist, verloren hat. Junge Leute gingen nicht mehr ins Theater. Es war so langweilig und viel zu teuer geworden. Heute kostet eine Karte für die Dresdner Oper über 100 Euro. Wer kann sich das leisten, und wofür?


Eines Tages kaufte ich mir trotzdem eine Karte und sah mir "Macbeth" an der Bayerischen Staatsoper in München an, aus der ersten Reihe. Plötzlich begannen Leute auf die Bühne zu urinieren, und später hingen sie nackt von einem Bein aus der Höhe. Ich war empört, das war ein Ekel anzuschauen – was hatten sie nur mit meinem Verdi gemacht? Nach der Vorstellung ging ich zum Dirigenten, Theodoros Kurrentzis, wartete am Künstlerausgang, um ihn zu fragen, warum er sich an dieser Schande beteiligt hatte. Er antwortete nicht. Das Showbusiness feiert diesen Mann als "Rebellen", als "Enfent terrible" ect. Er macht weiter an der Schande mit. Eine Welt voller Lügen, und ich schwieg.



Meine Träume von einem normalen Leben zwischen Kunst und Landwirtschaft rückten immer weiter in die Ferne, und ich schwieg und dachte: „Alles ist unter Kontrolle, der Staat wird das schon regeln.“


Ich werde aber jetzt damit aufhören. Nichts ist besser geworden, nur noch schlimmer. Kriege. Armut. Lügen. Die Träume sind geplatzt. Heute trendet auf "X" - „Pleiten auf Rekordhoch“ und Merkel findet Trumps Äußerungen zur Lage Europas "inakzeptabel". Wie konnten wir nur solchen Menschen vertrauen?


Die Wahrheit ist, es ist alles wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Jahrelang haben wir uns gefragt: „Was soll das alles? Warum merkt niemand, dass hier etwas nicht stimmt?“ Alle um uns herum dachten dasselbe. Wir schwiegen. Man nennt uns die „schweigende Mehrheit“. Bis eines Tages das Kind - dieses Kind aus Amerika - ruft: „Der König ist nackt!“, und wir alle erleichtert aufatmen. Ja, der König ist nackt.


Dreißig Jahre sind vergangen. Ich habe zwar an diesem Lügenspektakel nicht mitgemacht, aber ich schwieg, und das lastet schwer auf mir. Es ist falsch zu schweigen, wenn man eine Ungerechtigkeit und Absurdität erkennt. Gott sei mir gnädig; ich wusste nicht, was ich tat.

Aber Gott ist gnädig, denn er gibt uns in jedem Augenblick unseres Lebens die Chance, unseren Kurs zu ändern.


Mein letztes Schweigen war vor einem Jahr an, als ich erfuhr, dass ein örtliches Museum eine Stelle ausgeschrieben hatte, offen nur für Frauen. Ich empfand es als ungerecht, schwieg aber. Ich werde aber jetzt darüber sprechen und die Museumsdirektorin zu einem Gespräch einladen.

Ein anderes Mal, besuchte ich ein Ospiz für junge Migranten und bot kostenlose Kurse in klassischer Musik an, damit die jungen Araber die europäische Kultur kennenlernen konnten. Die Sozialarbeiter antworteten: „Wir können den Migranten nichts anbieten, was sie nicht mögen.“ Aber wie sollen sie etwas mögen, ohne es zu kennen? Heute weiß ich, dass die Sozialarbeiter gelogen haben. Sie wollten nicht, dass die Migranten etwas lernten, das sie selbst für „elitär“ oder "konservativ" hielten. Ich schwieg damals, aber heute werde ich nicht länger schweigen.


Vorgestern leitete ich mein erstes Interview für das „Via Regia Magazin“ mit einem Pfarrer aus der Gegend. Er sagte aber: „Die Leute, die hier das Sagen haben, sind abscheulich.“ – er meinste die AfD-Wähler von Görllitz. Als ich darauf hinwies, dass alle Anträge der AfD im Stadtrat abgelehnt werden, sie also praktisch nicht das Sagen haben, antwortete er: „Und das ist gut so.“ Der Pfarrer.

Ich werde nicht länger schweigen.


Jede Minute des Schweigens entfernt mich weiter von meinem Traum eines normalen, erfüllten Lebens. Nein, es ist keine „fremde Macht“, die mein Leben oder das Leben der Anderer kontrolliert. Es war meine Passivität und mein Schweigen, die mir das Leben geraubt haben.

Aber ich bin noch jung; ich kann noch einige normale Lebensjahre erleben. Jahre der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, der Freiheit, der Liebe, des Glücks, des Lächelns und des Sonnenscheins.


Und ich will die Zukunft retten. Denn selbst wenn ich selbst in 20 Jahren nicht mehr lebe, werden andere Elenis geboren. Auch sie verdienen ein normales Leben, ein Lächeln, die Möglichkeit ihre Talente zu entfalten, Früchte zu tragen, frei und erfüllt zu leben. Für mich und für die Zukunft werde ich nicht länger schweigen. Im Gegenteil, ich muss nun auch den Schaden heilen, den ich all die Jahre durch mein Schweigen angerichtet habe.


Lernt von meiner Erfahrung, liebe Mitmenschen, und wiederholt meine Fehler nicht. Kein Schweigen mehr! Es ist die Zeit zu handeln!

 
 
 

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