Der Osten: Ein Essay mit Vorschlägen an die CDU
- Helena Triada Müller
- 23. März
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. März
Im folgenden Essay möchte ich die Wurzeln der politischen Krise in Deutschland untersuchen und konkrete Wege aus dieser Krise aufzeigen. Die Krise der deutschen Politik – die sich letztlich um die nie wirklich geheilte Spaltung zwischen Ost und West dreht – wirkt weit über die Grenzen hinaus. Seit mehr als 20 Jahren prägen deutsche politische Strukturen die europäische Politik maßgeblich. Gerade in diesem Moment sehe ich eine historische Chance: Die Probleme nicht nur anzusprechen, sondern endlich zu lösen – und damit nicht nur die aktuelle Krise in Europa zu entschärfen, sondern auch künftige Kriege und Spannungen zu verhindern. Europa rüstet sich erneut gegen Russland, alte Konflikte zwischen Ost und West Europa brechen wieder auf: Europa spaltet sich erneut in Ost und West. Ungarn, Polen, die Slowakei, Rumänien und Serbien wollen mehr Souveränität von dem Westen und die Völker des Kontinents sind tief unzufrieden. Viele suchen Halt in populistischen Parteien, und wünschen sich sehnsüchtig nach einer Veränderung.
Deshalb halte ich eine grundlegende Reform der Altparteien für dringend notwendig – vor allem der CDU. In der Erneuerung dieser Partei liegt meiner Überzeugung nach der Schlüssel für mehr Stabilität und Frieden in Europa. Eine solche Reform verlangt jedoch eine schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Fehler, fehlende Toleranz und mangelndes Verständnis für den Osten Deutschlands und Europas liegen im Kern der heutigen Problematik.
Die Gründung der CDU 1945–1950
Die Christlich Demokratische Union hat kein einziges, eindeutiges Gründungsdatum und keinen einzelnen Gründungsort. Sie entstand aus zahlreichen lokalen und regionalen Initiativen nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Diese Regionalität ist bis heute ein besonderes Merkmal: Bayern besitzt mit der CSU eine eigenständige Schwesterpartei; für den Rest Deutschlands gibt es – zumindest formal – eine einzige CDU.
Dennoch begann die Geschichte der Partei im Osten. Am 26. Juni 1945 in Berlin unterzeichneten 35 Personen – darunter Andreas Hermes und Walther Schreiber – den Gründungsaufruf der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Dieser Aufruf gilt als offizieller Start und als erster großer Appell für eine überkonfessionelle christliche Volkspartei in ganz Deutschland. Viele Historiker bezeichnen diesen Tag als die eigentliche „Geburtsstunde“ der CDU.
Parallel dazu entstanden im Sommer und Herbst 1945 im Westen lokale Gründungen, etwa am 2. September 1945 die Christlich-Demokratische Partei in Rheinland und Westfalen. Konrad Adenauer übernahm früh die Führung in der britischen Zone. Der erste Bundesparteitag fand schließlich vom 20. bis 22. Oktober 1950 in Goslar statt: Hier wurde die Bundespartei offiziell gegründet, ein gemeinsames Statut beschlossen und Adenauer zum ersten Bundesvorsitzenden gewählt – ein Jahr nach der ersten Bundestagswahl 1949.
Die CDU entstand also nicht aus einer einzigen Wurzel, sondern aus vielen christlich-demokratischen Gruppen in den Besatzungszonen. Die eigentliche Macht lag jedoch rasch im Westen bei Konrad Adenauer. In der Sowjetischen Besatzungszone gab es eine parallele CDU (später Ost-CDU) unter Andreas Hermes und Jakob Kaiser – beide übrigens überzeugte Widerstandskämpfer gegen Hitler. Kaiser wollte eine sozialere, gesamtdeutsche Linie, wurde aber 1947 von den Sowjets verdrängt. Die Ost-CDU wurde zur Blockpartei der SED. Die CDU blieb im Westen.
Der Westen
Adenauer – Rheinländer gegen Preußen und Berlin
Während ich mich mit der Biografie Konrad Adenauers beschäftige, wird eines rasch deutlich: Als Rheinländer fühlte er sich dem Westen und Frankreich weit stärker verbunden als dem Osten und Berlin – obwohl er dieselbe Sprache sprach.
Adenauer sah Preußen kritisch – als Hort des Militarismus und des Zentralismus. Bereits 1919 nannte er Preußen in einer Rede „den bösen Geist Europas“, „den Hort des kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“. Er wollte Preußen teilen und dem Rheinland mehr Autonomie geben. Berlin empfand er als „heidnische Stadt“. Statt nach Osten blickte er konsequent nach Westen: Die Aussöhnung mit Frankreich war ihm ein Herzensanliegen (später besiegelt im Élysée-Vertrag 1963). Seine große Leistung – die Westintegration in NATO und Europa – hatte absolute Priorität vor einer schnellen Wiedervereinigung. Er fürchtete, ein neutrales Gesamtdeutschland würde sowjetisch dominiert werden. Das berühmte, ihm zugeschriebene Motto fasst diese Haltung zusammen: „Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb.“ Die Einheit sollte nur „in Freiheit“ kommen, nicht um jeden Preis.

In der Weimarer Republik war Adenauers Haltung zur aufstrebenden NSDAP ambivalent. Er verbot keine NS-Veranstaltungen in Köln und ließ das Hissen der Hakenkreuz-Flaggen zu. Er zensierte sogar Kultur, etwa Brechts Dreigroschenoper, oder verbot sogar Stücke wie Der Wunderbare Mandarin von Béla Bartók oder die Ausstellung eines Bildes von Otto Dix, wenn sie seine katholischen Weltanschauugen verletzten. Nach der Machtübernahme 1933 schrieb er der neuen Regierung einen Brief, in dem er seine bisherige „günstige“ Haltung darlegte – offenbar um seine Rente zu sichern. Später versuchten Widerstandskreisen ihn für sich zu gewinnen, hielt sich aber zurück, auch wenn er nicht dagegen war. Er wurde 1944 verhaftet, entkam jedoch mit Hilfe von Bischöfen und Kardinälen.
Nach 1945 integrierte Adenauer in seinen Kabinetten Amtsträger des NS-Staats und übernahm die Organisation Gehlen nahezu unverändert in den Bundesnachrichtendienst. Aus ostdeutscher Sicht verstärkte dies die Spaltung: Es wirkte, als regierten im Westen weiterhin „Faschisten“. Während des Kalten Krieges lehnte die CDU eine schnelle Vereinigung mit der DDR ab – im Gegensatz zur SPD unter Kurt Schumacher und später Willy Brandt mit seiner Neuen Ostpolitik. Die CDU setzte auf Stärke des Westens und die Hallstein-Doktrin.
Meiner Meinung nach war genau diese Haltung des katholischen Rheinländers Adenauer gegen den Osten und gegen die Versuche einer Annäherung aus dem Ostblock mitverantwortlich für viele verlorene Jahre und anhaltende Kriegsstimmung in Europa. Persönlich sehe ich in seiner Biografie – trotz kirchlicher Prägung – das Porträt eines Pharisäers: Er festigte seine Macht zwischen allen Lagern, vertrat aber nie konsequent christliche Werte wie Frieden und soziale Gerechtigkeit. Seine unklare Position gegenüber den Nazis und die ostfeindliche Linie seiner Partei haben Deutschland und Europa viel Zeit gekostet.
Dieses Urteil klingt hart – es muss aber ausgesprochen werden. Die CDU-Politiker von heute müssen sich ihrer historischen Fehler bewusst werden. Wo in der Parteibiografie falsch gehandelt wurde, muss eine echte Umkehr stattfinden – wie Jesus es formuliert hat: „Kehrt um.“ Tun sie das nicht und bleiben auf derselben Linie, tragen sie Verantwortung für künftige Krisen und Katastrophen. Die CDU sollte die Abneigung gegen das historische Preussen und das sozial-christlich geprägte Osteuropa endlich überwinden.
Der Osten
Eine andere, sozialere Tradition
In der Geschichte der CDU im Osten begegnen mir Namen, die einen ganz anderen Eindruck hinterlassen. In ihren Biografien erkenne ich stärkeren Widerstand gegen die Nazis, tiefere christliche Werte und eine konsequentere Hinwendung zu sozialen Fragen. Viele dieser Menschen hatten direkte Verbindungen zum Kreisauer Kreis oder anderen Widerstandsgruppen, wurden verhaftet und standen teilweise kurz vor der Hinrichtung. Besonders auffällig: Ein großer Teil der aktiven Widerstandskämpfer gegen Hitler – darunter viele Teilnehmer des Attentats vom 20. Juli 1944 – stammte aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands.
Leider konnten sie sich nach dem Krieg unter der sowjetischen Besatzung politisch nicht durchsetzen - eben weil konservativ und christlich (Anti-Kommunisten). Die westliche CDU unter Adenauer bot keinerlei Unterstützung – im Gegenteil. So endeten viele konservative, christliche Deutsche entweder ermordet vom Hitler-Regime oder ohne Kraft nach dem Krieg, sich gegen das kommunistische Regime zu behaupten. Wer überlebte, wanderte oft in den Westen ab und leistete dort – ebenfalls erfolglos – Opposition gegen Adenauer.
Diese Geschichte nach dem Weltkriegsdrama hat nie die Aufmerksamkeit erhalten, die es verdient. Am 26. Juni 1945, als in Berlin Jakob Kaiser und andere Christdemokraten die CDU gründeten – ohne Rückhalt der westlichen, katholisch geprägten CDU in Bonn –, geschah meiner Meinung nach etwas Tragisches, das die Geschichte Deutschlands und Europas nachhaltig negativ beeinflusste.
Genau hier liegt jedoch meiner Meinung nach auch der Schlüssel für die Erneuerung der CDU heute und die Chance den Fehler zu reparieren und dort weiterzumachen wo dieser Fehler begangen ist. Im Sommer 1945 in Berlin. Nur wenn die heutige CDU dieses vergessene Erbe aus der Gründung der CDU bewusst aufnimmt, kann sie wieder Zustimmung im Osten gewinnen und Deutschland vereinigen, und überhaupt ganz Europa erneuern. Der Verlust der Zustimmung im Osten ist einer der Hauptgründe für den Aufstieg der AfD. Viele AfD-Politiker im Osten (wie Tino Chrupalla) kommen ursprünglich aus der CDU – aber auch aus deer SPD, Grünen und Linken. Sie teilen eine andere Haltung zu sozialen Fragen und zu Osteuropa als die westlich geprägten CDU-Spitzenpolitiker.
Es ist zudem bemerkenswert, dass viele ehemalige CDU-Politiker, die Sympathien für die AfD erkennen lassen – etwa Erika Steinbach oder Max Otte –, Wurzeln in den ehemaligen Ostgebieten Europas haben. Dasselbe gilt für Alice Weidel. Es gibt also einen spezifischen Geist im konservativen Lager des Ostens: der christlich-konservative Geist eines nicht mehr existierenden Deutschlands, das aber in den Seelen von Ostdeutschen oder Kindern von Vertriebenen im Westen noch weiterlebt. Dieser Geist sollte nicht tabuisiert werden sondern angeschaut! Es ist an der Zeit, sich an die Menschen zu erinnern, die zu der Gründung der Ost-CDU führten.
Die vergessenen Gründerväter der Ost-CDU
Jakob Kaiser (1888–1961) – der Gewerkschafter mit dem „nicht-marxistischen Sozialismus“ Geboren in Hammelburg, wurde Kaiser Landesgeschäftsführer der Christlichen Gewerkschaften. Er gehörte dem Kölner Kreis an, arbeitete mit Carl Friedrich Goerdeler zusammen und saß 1938 monatelang in Gestapo-Haft. Nach dem 20. Juli 1944 entkam er knapp der Verhaftung. Seine Vision war radikal sozial: Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien, Einheitsgewerkschaft, „nicht-marxistischer Sozialismus“. Als Mitgründer und Vorsitzender der Ost-CDU (bis 1947) wollte er Deutschland als blockfreie Brücke zwischen Ost und West. Sein Satz von 1947 bleibt gültig: „Nicht dem Westen und nicht dem Osten hörig, sondern dem deutschen Weg und dem deutschen Volk verpflichtet.“ Die SMAD setzte ihn ab, die West-CDU unter Adenauer förderte ihn nicht weiter. Bis zu seinem Tod 1961 blieb er ein einsamer Rufer nach sozialer Gerechtigkeit.
Andreas Hermes (1878–1964) – der Agrarreformer, der dem Volksgerichtshof entkam Weimarer Landwirtschaftsminister, Mitglied des Kölner und Kreisauer Kreises. Nach dem 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt, gerettet durch die Rote Armee. Er wollte eine überkonfessionelle Volkspartei mit starken sozialen und agrarischen Reformen. Genau deshalb wurde er der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) verdächtig. 1945 erster Vorsitzender der Ost-CDU, bald abgesetzt. Im Westen gründete er den „Godesberger Kreis“ für bessere Ostbeziehungen – Adenauer verweigerte ihm das Amt des Landwirtschaftsministers.
Joseph Ersing (1882–1956) – der Zentrums-Mann aus dem KZ Ravensbrück Schreiner aus Ochsenhausen, Zentrums-Abgeordneter in der Weimarer Republik. 1933 deckte er im Haushaltsausschuss den Osthilfe-Skandal auf. Nach dem 20. Juli 1944 ins KZ Ravensbrück verschleppt. Mitbegründer der CDU in Württemberg-Baden. Seine Politik blieb tief christlich-sozial: Schutz der kleinen Leute, soziale Gerechtigkeit. Auch er wurde vom westlichen Establishment nicht in Spitzenpositionen gehoben.
Hinzu kommt Carl Friedrich Goerdeler (1884–1945) aus Schneidemühl (Posen). Der preußische Konservative, ziviler Kopf des 20. Juli, plante eine föderale, gesamtdeutsche Republik mit sozialem Ausgleich. Er arbeitete eng mit Jakob Kaiser zusammen und wollte weder westlichem Kapitalismus noch östlichem Kommunismus hörig sein.
Das Attentat vom 20. Juli 1944 und der christliche Widerstand im Osten
Auf eine gezielte Frage an die Künstliche Intelligenz ob der Widerstand gegen Hitler eher aus dem Osten Deutschlands als aus dem Westen kam, bekomme ich folgende Antwort:
Aus einer bestimmten ostdeutschen Perspektive (besonders wenn man den historischen Preußen-Kontext und die verlorenen Ostgebiete betont) lässt sich argumentieren, dass ein deutlich spürbarer Anteil der Verschwörer des 20. Juli 1944 aus dem Osten (ehemalige preußische Provinzen wie Ostpreußen, Schlesien, Posen/Posen-Westpreußen, Pommern, Neumark/Brandenburg-Ost) oder aus Familien mit starken ostelbischen Wurzeln kam.
Das ist keine absolute Mehrheit aber es ist kein Zufall, dass viele der treibenden Kräfte eine preußisch-ostdeutsche Prägung hatten.
Wichtige Figuren mit klarer Ost-Herkunft oder -Verbindung:
Carl Friedrich Goerdeler – geboren in Schneidemühl (Provinz Posen, heute Piła/Polen) → direkte ostdeutsche Wurzeln.
Henning von Tresckow – aus altem märkisch-brandenburgischem Adel (Neumark/Ostbrandenburg), Familie mit ostpreußischen Verbindungen; zentrale treibende Kraft an der Ostfront.
Helmuth James Graf von Moltke (Kreisauer Kreis) – geboren und aufgewachsen auf Gut Kreisau in Schlesien (heute Krzyżowa/Polen).
Peter Yorck von Wartenburg (Kreisauer Kreis) – schlesische Adelsfamilie.
Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld – pommersch-mecklenburgische Linie, aber stark ostpreußisch geprägt.
Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg – Familie mit ostpreußischen und mecklenburgischen Wurzeln.
Viele dieser Männer kamen aus dem preußischen Junkertum Ostelbiens, das traditionell monarchistisch, pflichtbewusst und anti-nazistisch (aus konservativer Sicht) war. Der militärische Widerstand spielte sich zudem stark an der Ostfront ab (Tresckow-Gruppe in der Heeresgruppe Mitte), wo die Realität des Krieges und der Verbrechen am deutlichsten sichtbar war.
Aber auch aus dem Westen kamen viele Verschwörer gegen Hitler:
Claus Schenk Graf von Stauffenberg – geboren in Jettingen (Schwaben/Bayern), Familie schwäbisch.
Friedrich Olbricht – aus Sachsen.
Werner von Haeften – Berlin, aber westlich geprägt.
Ludwig Beck – Hessen.
Erwin von Witzleben – Württemberg.
Carl-Heinrich von Stülpnagel – Baden.
Der operative Kern (Stauffenberg, Olbricht, Mertz von Quirnheim) war also nicht ostdeutsch dominiert.
Warum fühlt es sich aus ostdeutscher Sicht trotzdem „ostlastig“ an?
Der preußische Adel (der oft ostelbisch war) stellte einen überproportional hohen Anteil der Offiziere und Verschwörer – das Junkertum Ostpreußens, Schlesiens und Pommerns war traditionell oppositionell gegenüber dem „österreichischen Gefreiten“ Hitler.
Viele Pläne und Denkschriften (z. B. Goerdeler) wollten die alten Ostgrenzen (1914) erhalten – ein ostdeutsches Interesse.
Nach 1945 wurde der Widerstand im Osten (DDR) oft als „reaktionär-preußisch“ diffamiert, im Westen als „gesamtdeutsch“. Heute betonen ostdeutsche Historiker und Konservative manchmal genau diesen preußisch-ostelbischen Strang, um zu zeigen: „Wir hatten unsere eigenen Antifaschisten – und die kamen aus dem Osten.“

Christlicher Widerstand gegen die Nazis im Osten
Ich fragte die Künstliche Intelligenz ebenfalls mir eine Liste der religiösen (christlichen) Widerstandskämpfer im Osten und Westen zu stellen.
Aus dem Osten (überproportional stark vertreten!)
Dietrich Bonhoeffer (evangelisch, geboren 1906 in Breslau/Schlesien) – Theologe der Bekennenden Kirche, Mitverschwörer im 20. Juli-Kreis, hingerichtet 1945 in Flossenbürg.
Bernhard Lichtenberg (katholisch, geboren 1875 in Ohlau bei Breslau/Schlesien) – Berliner Dompropst, betete öffentlich für die Juden, starb 1943 auf dem Transport ins KZ.
Helmuth James Graf von Moltke (evangelisch/ökumenisch, Gut Kreisau in Schlesien) – Gründer und Kopf des Kreisauer Kreises, hingerichtet 1945.
Konrad Graf von Preysing (katholisch, geboren 1880 in Breslau) – Bischof von Berlin, einer der wenigen Bischöfe, die offen gegen die NS-Verbrechen protestierten.
Gertrud Luckner (katholisch, geboren 1900 in Breslau) – half Hunderten Juden bei der Flucht, im KZ Ravensbrück inhaftiert.
Aus dem Westen und Süden:
Martin Niemöller (evangelisch, geboren 1892 in Lippstadt/Westfalen) – Mitbegründer der Bekennenden Kirche, 8 Jahre KZ-Häftling.
Clemens August Graf von Galen (katholisch, Bischof von Münster/Westfalen) – „Löwe von Münster“, hielt 1941 mutige Predigten gegen die Euthanasie.
Alfred Delp (katholisch, geboren 1907 in Mannheim, aktiv in München) – Jesuit, Mitglied des Kreisauer Kreises, hingerichtet 1945.
Paul Schneider (evangelisch, geboren 1897 in Boppard/Rheinland) – „Prediger von Buchenwald“, im KZ ermordet.
Joseph Ersing (katholisch, geboren 1882 in Ochsenhausen/Württemberg) – Zentrums-Politiker, im KZ Ravensbrück, später Mitbegründer der CDU.
Der protestantische Osten (preußische Tradition) brachte besonders viele mutige Einzelkämpfer hervor. Die evangelische Kirche war durch die „Deutschen Christen“ stark nazifiziert, aber gerade deshalb entstand die Bekennende Kirche als Gegenbewegung – mit Hochburgen in Schlesien, Ostpreußen und Berlin (Bonhoeffer, Moltke).
Die katholische Kirche als Institution passte sich stärker an (Reichskonkordat 1933 mit Papst Pius XI.). Deshalb gab es weniger offiziellen Widerstand aus dem Westen/Rheinland. Aber: Auch im Osten gab es extrem mutige Katholiken (Lichtenberg, Preysing, Luckner) – oft sogar mutiger als viele Protestanten.

Und heute? – 2026: Der Weg aus der Krise
Osteuropa ist nicht nur eine kulturell reiche europäische Landschaft. Es ist auch eine Region Europas, die 36 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer von Westeuropa immer noch unterschätzt wird. Man sollte besser wissen, dass in Osteuropa – in Warschau unter August Poniatowski – die erste Verfassung eines Staates in Europa entworfen wurde. Sobieski und Vlad Dracula, August der Starke, Heinrich II. in Schlesien und Peter der Große verteidigten Europa gegen die muslimische Horden. In Krakau wurde eine der ersten Universitäten der Renaissance gegründet. Schließlich stammte Immanuel Kant aus Königsberg und Nikolaus Kopernicus aus Thorn, und aus den ostdeutschen Gebieten, wo Deutsche und Slawen jahrhundertelang friedlich zusammenlebten, kamen enorm viele Intellektuelle, Mystiker, Künstler und Widerstandskämpfer. Osteuropa ist heute das Herz des konservativen und christlichen Europas. Die westliche CDU und andere konservative Parteien im Westen sollten dies anerkennen. Im Osten liegt die Chance für eine Erneuerung der CDU.
Ich sehe es nicht als Problem an, dass die Ostgebiete, aus denen viele christliche und konservative deutsche Denker hervorgegangen sind, nicht mehr zu Deutschland gehören. Wie die Autorin dieses Essays zeigt, muss man nicht Deutscher sein, um die Menschen anzuerkennen, die in meiner Heimat lebten, als sie noch deutsch oder österreichisch war. Ich fühle mich diesen Menschen sehr nah und empfinde mehr Mitgefühl für sie als das die westlichen CDU-Politiker, obwohl Deutsch, tun. Ich ehre von Moltke, Bonhoeffer, Jakob Kaiser, Hermes oder Goerdeler während es viele Deutsche gibt, die diese Menschen vergessen haben, weil sie das Thema „Ost“ am liebsten unter den Teppich kehren würden.
Doch so viele bedeutende europäische Schicksale lassen sich nicht einfach auslöschen.
Epilog
36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Ost-West-Konflikt so gespannt wie kurz vor der Wende. Die Unzufriedenheit im Osten treibt die Menschen zur AfD. Die „Brandmauer“ der westlichen CDU gegen diese Menschen ist nichts anderes als das Erbe der alten anti-ostlichen Haltung.
In dieser Lage liegt der Ausweg in einer bewussten Besinnung auf das vergessene Erbe der Ost-CDU. Eine eigene oder stark emanzipierte Ost-CDU könnte auf dem christlich-mutigen, sozialen und gesamtdeutschen Geist von Kaiser, Hermes, Ersing und Goerdeler aufbauen – statt auf westlicher Anpassung.
Michael Kretschmer, Ministerpräsident Sachsens (geboren 1975 in Görlitz), versucht seit Jahren, ostdeutsche Perspektiven einzubringen. Er steht jedoch in einer Zwickmühle zwischen seinem Volk und einer westlich dominierten Parteispitze.
Es ist an der Zeit für eine echte Emanzipation ostdeutscher CDU-Kräfte. Junge Menschen im Osten sollten gefördert werden, damit sie in einer sozial-konservativen, christlich geprägten Ost-CDU Politik machen können, die wirklich auf die soziale Probleme der Menschen hört: abgehängte Familien, Abwanderung, Ärztemangel, Migration, Sicherheit, Arbeitslosigkeit und fehlender Wohlstand.
Die CDU muss ihr eigenes, sozialeres, ostdeutsches Erbe nicht nur erinnern, sondern aktiv wiederbeleben – 80 Jahre nach dem Berliner Gründungsaufruf von 1945. Nur dann kann sie wieder zur Brücke werden, die Jakob Kaiser sich erträumte, und zu Frieden, Zusammenhalt und Stabilität in Deutschland und Europa beitragen.




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