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De profundis

Aktualisiert: 10. März

Brief an Herrn Beutler

Liebe Ines,

es ist 4:46 Uhr – entschuldige bitte, dass ich so früh antworte. Kennst du das Stück „4.48 Psychosis“ der berühmten englischen Dramatikerin Sarah Kane? Ich kämpfe seit meinem 12. Lebensjahr mit einer chronischen Depression. Es ist keine schöne Welt, und das habe ich schon als Kind gespürt – in einer schwierigen Familie mit einem gewalttätigen Vater. Damals hat mir die Literatur das Leben gerettet. Schon mit 8 Jahren flüchtete ich in die Welt der Bücher, und mit 12 begann ich Deutsch zu lernen, um Schiller im Original lesen zu können.


Die Tochter meines Vaters aus seiner zweiten Ehe – ein ebenso fröhliches und liebevolles Mädchen wie ich – hat sich mit 12 Jahren das Leben genommen. Musik war ebenfalls meine Flucht, doch meine Mutter hatte kein Geld für Instrumente oder Lehrer. So wurde ich Autodidaktin als Pianistin: Ich zeichnete eine Tastatur auf den Tisch und stellte mir vor, wie die Musik klang. Meine Mutter kaufte viele Schallplatten, und ich hörte leidenschaftlich zu. Beethoven war mein bester Freund, Chopin mein zweitbester.


Im jugoslawischen Radio gab es jeden Abend um 21 Uhr eine Sendung mit Liedern – das waren meine einzigen schönen Momente dort in der Pampa in Makedonia, im Dorf wo mein Vater stammte und wo wir zurückkehrten als die Familie aus Polen zurückkehrte. Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier und so viele wundervolle Lieder. Das war eine schöne Welt!


So wurde ich zur Idealistin, Ines. Schon als Kind wollte ich die Welt verändern, damit die nächste Eleni in einer besseren Welt geboren wird. Mit 6 Jahren träumte ich davon, Architektin zu werden, um schöne, autarke Städte zu bauen. Letztlich studierte ich Agrarwissenschaften und spezialisierte mich auf biologische Anbaumethoden. Ein Professor brachte uns das Buch „Silent Spring“ mit und lud einen deutschen Öko-Produzenten ein, der in Griechenland Bio-Landwirtschaft betrieb. Ich war Feuer und Flamme: Wir müssen die Umwelt in Europa retten und auch Afrika von der Hungersnot befreien!

Ich schloss die Uni mit Bestnoten ab, erhielt Stipendien und wurde mit dem EU-Programm Leonardo da Vinci nach Wien geschickt, um Bio-Landwirtschaft zu erforschen. Gleichzeitig schloss ich ein Operngesangsstudium ab und bekam ebenfalls ein Stipendium für Wien. Es war Schicksal, dass ich beides studierte. Kunst und Wissenschaft.


Als Agrarwissenschaftlerin sah ich, wie die Politik Europa zerstört: Berge von weggeworfenen Orangen, heute in Griechenland verlassene Dörfer und ungesammelte Orangen – weil die Bauern Subventionen bekommen, um sie nicht zu ernten oder sogar zu vernichten. Dieses System korrumpiert die Seelen der Bauern und aller Menschen. Wenn du ein Stück Erde hast, einen Orangenbaum pflanzt, ihn liebevoll begleitest und die Frucht dann einem Mitmenschen verkaufst, entsteht eine gesunde Gesellschaft. Wenn du aber Geld dafür bekommst, die Orange nicht zu pflücken – weil die marokkanische billiger ist –, vergiftet das deine Seele und das Leben. Das ist das Drama, das in Europa passiert. Du und Herr Beutler seht das nicht, weil ihr nicht so viel reist wie ich.


Als Künstlerin erlitt ich die schlimmsten Folgen der falschen europäischen Politik. Die Finanzkrise 2008 traf mich in Italien, das zusammen mit Griechenland am härtesten betroffen war. Alle meine Sängerfreunde verloren Jobs und Perspektiven, weil die Kunst immer zuerst gekürzt wird, wenn kein Geld mehr da ist. Heute sind über 30 Theater in Italien Lost Places.


Verstehst du jetzt, Ines, warum ich Ars Augusta gegründet habe und warum ich in die Politik gehen will? Weil ich diesen „Titanic“ namens Europa retten möchte. Ich kann nicht länger zuschauen. Unser Kulturerbe wird täglich zerstört und durch radikalen Islam oder andere Ideologien ersetzt, unsere Dörfer leeren sich, die Zukunft ist düster. Ich bin Griechin – und vor genau 200 Jahren, im April 1826, geschah der Exodus von Messolonghi: Aufbruch – Tod oder Leben!


Wir müssen die Welt verändern, sonst hinterlassen wir der nächsten Generation einen Trümmerhaufen. Europa bereitet sich auf Krieg vor. Es ist eine Sekunde vor zwölf. Jetzt muss die Wende kommen, oder wir sind bald alle verloren.


Herr Beutler versteht das nicht, weil Menschen in der Elite diese Probleme nicht spüren. Sie haben gute Jobs, gute Beziehungen, ein gutes Leben. Aber wir da unten haben nur die Musik und die Natur, die uns ein bisschen Hoffnung schenken. Ich verdiene im Jahr 2000 Euro - die Künstlerische Leitung des Festivals „Schnabel“ in Nowogrodziec oder ein kleines Honorar für die Leitung des Projektes Hammerschmidt waren meine einzige Einkommensquellen im Jahr 2025. Ich wäre ebenfalls ein HARZ-IV Fall, wie soviel Menschen hier, hätte ich nicht die Kunst die mich aufrecht hält und Heinz der mich liebt.


Ich sehe die AfD nicht als Nazi-Partei. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 gab es fast zwei Millionen Neuwähler für die AfD, fast zwei Millionen aus SPD, Linken und Grünen sowie zwei Millionen aus CDU und FDP. Ein Querschnitt durch das ganze Deutsche Volk. Einige AfD-Wähler wechselten, aber nur zum BSW - keiner ging zu einer Altpartei. 45 % der deutschen Arbeiter wählten AfD statt SPD. 

Die AfD sehe ich wie die SPD vor 100 Jahren: Sie wollen ihr Leben und ihr Land retten vor dem, was sie Politik einer„Elite“ nennen, und sie wollen Frieden!


Kennst du Randy Braumann, unseren Nachbarn in der Augustastraße? Er war sein Leben lang ein berühmter Journalist und SPD-Mann. Als Erster wählte er AfD – „weil sich etwas ändern muss“. Randy ist jetzt tot. Er wollte nicht mehr leben, nachdem die Pandemie ihm die einzige Freude nahm: die Montags-Stammtische beim Griechen. Wir verstanden uns gut. Ich sang bei seinem Begräbnis.


Ich habe gesehen, dass die Stadt sich nicht verändert, wenn ich nur ehrenamtlich einen Kulturverein leite. Ich werde für meine Arbeit geschätzt – aber nur von Kulturmenschen, wie dem Dresdner Dichter Peter Gehrisch, der mir eine Medaille für meine polnisch-deutsche Kulturarbeit im Kraszewski-Museum verlieh. 

Als ich ihm meine Rede an die Görlitzer vorlas (die Rede für meine Kandidatur, die ich leider nicht zu Ende sprechen durfte), war er stolz auf mich. Ich dachte, er würde mir die Medaille zurücknehmen und bat ihn um Verständnis – stattdessen schrieb er, er sei stolz auf mich. Wir Kulturmenschen müssen für Frieden sorgen und Brücken bauen. Er hat bei uns im Salon am 29.3 eine Lesung, herzliche Einladung! Peter Gehrisch ist kein AfD Mensch. Er hat nur die Bombardierung Dresdens als Kind erlebt und deswegen so wie ich für den Frieden in Europa Feuer und Flamme ist.


In meinem Jahr bei der AfD habe ich aus Eigeninitiative einiges getan: Ich meldete mich für den Landesfachausschuss Kultur und Bildung, um das Parteiprogramm zu verbessern. Meine Vorschläge betonten die Rückbesinnung auf die Werte Europas – Athen, Rom, Jerusalem: griechisch-römische Antike, Christentum und jüdisches Erbe. Das Programm der AfD war sehr deutsch-zentriert, und sie hatten kaum Kulturmenschen – sie waren dankbar, dass endlich jemand aus der Kultur kam.


Ich bin eine Pionierin, eine Revolutionärin, eine Jesus-Figur: Als Frau, Ausländerin und Kulturmensch trat ich in diese Männerstruktur ein, um für Gleichgewicht zu sorgen. So handelt eine Europäerin!

Die Spaltung der Gesellschaft und das Dämonisieren von Menschen ist ein dunkler Geist, der bald zum Krieg führt. Ines, wir Menschen guten Willens müssen dagegensteuern!


Im Fachausschuss äußerte ich Ideen zu Schulen mit hohem Ausländeranteil (ich habe eine Studie über die Geschichte griechischer Schulen in München geschrieben) und forderte mehr Unterstützung für lokale Künstler und Vereine sowie Würdigung ihres ehrenamtlichen Engagements. Alles, was ich aus eigener Erfahrung wusste, dass es nicht funktioniert. Mein Jahr in der Politik habe ich genutzt, um die Welt ein bisschen besser zu machen und meinen Mitmenschen zu dienen.


Mein Lieblingskanzler war Helmut Schmidt von der SPD. Ich träumte davon, ein Klavier ins Rathaus zu stellen und wie er Tag und Nacht zu arbeiten: gegen Ärztemangel, Abwanderung, Leerstand, chronische Armut und Perspektivlosigkeit der Jugend Lösungen finden. Vor allem der Ärztemangel – ich bin hier zur Chauffeurin älterer Menschen geworden, die kein Auto haben und nach Königshain oder Dresden zum Arzt müssen.

Ich lebe zwischen diesen Menschen, Ines. Herr Beutler nicht. Gestern fuhr ich einen Freund ins Krankenhaus – Überdosis Schmerztabletten. Hat Bürgermeister Ursu überhaupt eine Ahnung, wie die Menschen in dieser Stadt leben? Und dieses Leben wird nicht einfacher – jeden Tag ein bisschen schlimmer.

Ich sehne mich nach Frühling, nach einer Renaissance Europas! Ich bin 53 Jahre alt. Wenn es so weitergeht, verbringe ich die nächsten sieben Jahre mit Depression. Ich will doch noch ein bisschen mich des Lebens freuen! Deshalb diese Kamikaze-Aktion: Jetzt Wende oder alles bleibt krank.


Am Samstag bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich habe es mit meiner Rede versucht und mit einer zweiten für die Delegiertenwahl zum Landtag – doch sie haben mich nicht einmal als Delegierte gewählt, obwohl ich alle begeistert habe. Als Idealistin habe ich in einer Partei keine Chance. Parteien sind wie Fußballclubs - ich ziehe mich aus dem Parteileben zurück.


Ich will aber nicht, dass Herr Beutler etwas Schlechtes über diese Partei schreibt. Bitte, Ines, sag ihm, er möge seinen Hass gegenüber diesen Menschen mäßigen – für Menschen wie Thomas Hanisch, der mich für meine Kandidatur gewählt hat. Ein arbeitsloser 50-Jähriger aus Deutsch Ossig, Enkel eines Vertriebenen aus Schlesien, Freigeist. Seine Frau und Kinder sind nach Dresden ausgewandert. Er lebt allein und träumt – wie ich – von Veränderung. Er wählte mich, weil er an Zusammenarbeit mit Polen glaubt und fand es prima, dass ich Polnisch spreche. Er fragte auch Sebastian, was er für die Zusammenarbeit mit Polen plant – er hat erkannt, dass wir mit Zgorzelec viel mehr kooperieren sollten. Und dann wählte mich.


Für Menschen wie Thomas bitte ich Herrn Beutler, diese Partei nicht ständig anzugreifen. Es ist das Völkchen, das in dieser Stadt täglich mit so vielen Problemen kämpft. Aber sie sind gute Menschen. Sie sind Menschen.

An Herrn Beutler, bitte sag ihm: Als Christ sollte er das besser verstehen! Jesus saß mit den Sündern, und die Pharisäer fragten, warum? Weil sie ihn am meisten brauchten, antwortete er.

Bitte, Ines, sag Herrn Beutler, dass diese Stadt Christen braucht, die über die Probleme der einfachen Menschen berichten – und Friedensstifter!

Mein Lied Wettbewerb ist eine Initiative der Friedensstiftung! Ich habe solche Angst, dass er jetzt kaputtgeht, wenn die Menschen erfahren, dass ich bei der AfD war – der „Dämonenpartei“. Aber schau, liebe Ines: Drei Tage habe ich die Anmeldungen der Musiker eingetragen. Ich mache alles allein – den INTERREG-Antrag geschrieben, gewonnen, alles organisiert. 173 Musiker aus aller Welt – von der Türkei bis China und Chile, von Russland bis USA – kommen nach Görlitz! Mit Familien! Weil ich auf der Website und in den Social Media schreibe, wie schön diese Gegend ist: Riesengebirge, Tal der Schlösser. Sie verbinden Wettbewerb mit Urlaub!


Eine Sängerin aus der vorigen Edition wohnt inzwischen in Görlitz und arbeitet im Chor des Theaters.

Der Wettbewerb und Bolko verändern die Welt!!!


Deshalb müssen wir alles tun, damit er nicht kaputtgeht, wenn herauskommt, dass ich mich politisch engagiert habe. Ich bin aus der Partei ausgetreten, aber gestern habe ich mich als parteilose Kandidatin fürs OB-Amt registriert. Wie ein Kamikaze versuche ich als Letztes, diese Stadt zu retten – eine Renaissance anzustoßen. Ich bekomme schon jetzt Hass-Nachrichten. Deshalb wäre es sehr schön, wenn die SZ nicht schlecht über mich berichtet.


Der Wettbewerb muss gerettet werden. Herr Beutler muss nur wissen, dass ich Idealistin bin und Brücken bauen will. Sonst nichts. Bitte helft mir, Frieden in der Stadt und in Europa zu stiften.


Entschuldige, dass ich so lang geschrieben habe. Aber es war die Wahrheit. Du kannst das so an Herrn Beutler weiterleiten.


Ich mag Herrn Beutler. Ich werde nie vergessen, dass er meinen langen Artikel über die Schlesische Feste und das Konzert in der Dom Kultury auf Seite 3 der SZ veröffentlicht hat. Es war vielleicht der einzige Moment wo ich in dieser Stadt glücklich gewesen bin. Ein Mensch hat meine Stimme so prominent veröffentlicht. Danke Sebastian. Ihr seid super Menschen. Aber wir leben in Umbruchszeiten und müssen bereit sein, revolutionäre Schritte zu wagen. Jesus ist der beste Wegweiser: Frieden und Liebe für den Mitmenschen.


LG


Eleni


Bild: "De profundis" von Oscar Wilde, geschrieben im Gefängnis, wo er verhaftet war, wegen seiner Homosexualität.



 
 
 

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