An den unbekannten Görlitzer
- Helena Triada Müller
- 28. März
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. März
"Und also wohnt der Friede unter uns! Nicht da, nicht dort und etwa nicht umringt von uns wie einer heiligen Schar, die einen Herrscher schützt. Nein! Unsre Seelen sind in seiner Seele eins! Uns trennen Sprachen, trennen Strom und Meere nicht. Nicht trennen Götter noch der unbekannte Gott die, denen aller Menschen Heil am Herzen liegt. Was trennt, ist Irrtum, Irrtum, der allein den Haß entfesselt..."
Athene Deutschland im "Festspiel in Deutschen Reimen" von Gerhart Hauptmann
Lieber Herr "Gregor Lefeld",
ich beginne mit einem Zitat aus dem meisterhaften pazifistischen Monolog der Göttin Athene aus dem Festspiel in deutschen Reimen von Gerhart Hauptmann. Das Stück wurde 1913 vom genialen Theatermacher Max Reinhardt – einem Mozart liebenden Juden – in meiner Heimatstadt Breslau aufgeführt, ein Jahr bevor der Erste Weltkrieg ausbrach. Es war eine eindringliche Mahnung gegen den Krieg. Ich habe das Werk 2018 wiederentdeckt. Als ich es las, war ich so berührt, dass ich mich entschloss, das Stück neu zu verlegen und ins Polnische zu übersetzen. Viele Menschen warnten mich damals: „Übersetz das nicht, es ist ein ganz schlechtes Stück.“ Ich tat es trotzdem – rebellisch, wie ich bin –, weil ich schon immer an diesen Pazifismus geglaubt habe. Das Festspiel richtet sich gegen den Krieg und gegen den Hass zwischen den Menschen. Ich stelle es an den Anfang dieses Briefes, damit du weißt, in welchem Geist ich dir schreibe.
Für deinen Brief, den ich in meinem Briefkasten gefunden habe, danke ich dir sehr. Wie viele andere Briefe, die ich in dieser Fastenzeit erhalten habe, hat er mich tief verletzt – denn ich habe Hass gespürt. Und ich habe ein Herz. Dieser Hass basierte jedoch voll und ganz auf Irrtümern und Lügen, die du für Wahrheit hältst, wie Athene sagte. Ich konnte dir aber nicht erklären, wo du dich täuschst, weil du anonym geschrieben hast – ohne Absender und ohne Adresse. Du erhebst ungeheuerliche Anschuldigungen gegen mich, die überhaupt nicht zutreffen, ohne mir die Möglichkeit zu geben, darauf zu antworten.
Du schreibst über die Schuld der Christen an den Hexen- und Ketzerverbrennungen und stellst mich in eine Schublade mit griechischen Faschisten – obwohl meine eigene Familie zu deren Opfern gehörte. Du bemerkst offenbar nicht, dass dein eigenes Verhalten dem jener Faschisten und Hexenverbrenner gleicht. Du beschuldigst mich, ohne mir das Recht auf Verteidigung zu gewähren, und schiebst mich in Schubladen, in die ich nicht gehöre – genau wie die Faschisten es mit unzähligen Opfern taten, die einem Regime nicht passten und deshalb verfolgt, verhaftet oder ermordet wurden.
Ich antworte dir nun und gleichzeitig all den unzähligen Görlitzern, die gerade wie in einer Massenpsychose über mich herfallen, als wäre es ein Verbrechen, dass ich mich politisch betätigen wollte. Mein Recht als Mensch und Bürger in einer Demokratie! Welch eine Ehre, das getan zu haben: „Tue mit – gestalte die Politik deiner Stadt.“ Willst du nicht? Dann falle nicht über mich her wie in den Zeiten Jakob Böhmes, als der arme Schuster von der ganzen Stadt verpönt und ins Exil getrieben wurde, nur weil er es wagte, seine eigene Meinung zum Thema Jesus zu äußern – eine Meinung, die dem öffentlichen Narrativ nicht passte. Nur wenige stellten sich damals auf die Seite des unschuldigen Schusters und boten ihm ein Zuhause, als alle ihn verfolgten.
Lieber Gregor, in dieser Geschichte stündest du auf der Seite des Gefolges von Pastor Gregor Richter und hättest auf Böhme gespuckt – so wie du jetzt auf mich spuckst. Und wie damals waren die Verfolger Böhmes nur ignorant und einer Propaganda verfallen. Genau das bist auch du mir gegenüber.
Dennoch beginnst du deinen Brief mit Lob, danke Dir: Du warst bei einigen meiner Veranstaltungen. Ich tue seit zehn Jahren in Görlitz sehr viel ehrenamtlich. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei. Auf eigene Kosten stelle ich Getränke und Snacks im Salon bereit, die Tonaufnahmen schenken wir den Künstlern, ich schreibe alle Anträge und Abrechnungen – tagelang, ohne Pause und ohne müde zu werden. Denn ich bin eine Idealistin.
Warum glaubst du, ich könnte die Armut in der Stadt nicht bekämpfen, wenn ich schon jetzt beweise, dass ich viel für die Ärmeren tue? Ein Mensch, der selbstlos anderen hilft und Kultur kostenlos anbietet, darf sich zutrauen, in sieben Jahren die Armut in der Stadt spürbar zu reduzieren. Der Wille ist da – und der Glaube, dass es möglich ist, ebenfalls.
Offenbar habt ihr – du und die Menschen deines Geistes – die Hoffnung aufgegeben, dass sich die Probleme lösen lassen. Das ist wohl der Grund, warum du mir einen Brief voller Hass und falscher Anschuldigungen geschrieben hast. Du kannst es nicht fassen, dass es noch Idealisten in einer Welt voller Resignierter gibt, die Kompromisse mit dem korrupten System geschlossen haben. Du kannst es nicht fassen, dass es noch Humanisten in einer Welt voller Hasser und noch Träumer in einer Welt der Pragmatiker gibt.
Ja, das bin ich: dieselbe Eleni, die eine Schweigeminute für die Opfer des Nationalsozialismus an Mozarts Geburtstag organisiert hat. Dieselbe Eleni, die vor zehn Jahren ein polnisch-deutsches Barockensemble gegründet, ein pazifistisches Theaterstück von Gerhart Hauptmann ins Polnische übersetzt (aus dem das obige Zitat stammt) und den Auftrag für die Vertonung eines spirituellen Gedichts des Görlitzer jüdischen Dichters Paul Mühsam vergeben hat. Dieselbe Eleni, die einen internationalen Liedwettbewerb in Görlitz organisiert, bei dem hunderte junge Menschen aus aller Welt in unsere Stadt strömen werden. Dieselbe Eleni, die hinter sich mindestens fünf Projekte mit Förderung der Europäischen Union hat. Diese Eleni fand es unvereinbar mit ihrem Gewissen, Mitbürger zu dämonisieren, nur weil sie eine andere politische Meinung vertreten. Ich fand es ungeheuerlich, dass Nachbarn nicht mehr miteinander sprechen – und frage mich bis heute, warum ich die Einzige war, die sich dagegen gestellt hat. Ich nahm ihre Seite – so wie ich die Seite Jakob Böhmes nehmen würde, so wie ich die Seite jedes Menschen nehmen würde, der von einer Elite, die selbst alles hat, verfolgt wird. Warum nur ich? Warum sind alle anderen Mitläufer?
Ich persönlich bin immer noch unendlich stolz darauf, dass ich so mutig für mein Gewissen eingestanden bin – für „Frieden mit dem Feind“. Seitdem bekomme ich von beiden Seiten der Brandmauer Ohrfeigen, genau wie der friedensstiftende Freund im Theaterstück „Kunst“ von Yasmina Reza, der sich zwischen die verfeindeten Freunde stellte. Ja, auch die AfD Menschen sind auf mich hergefallen und kommen auch nicht auf die Idee mich zu verteidigen. Faule Menschen, genauso wie ihre Gegner. Der Hass ist wie ein Gift, eine Krankheit die Seelen verfaulen lässt und nach 10 Jahren Hass in dieser Stadt sind viele Menschen faul geworden. Der Krieg und der Tod ist das Endstadium der Krankheit "Hass". Wir müssen aber diese Krankheit heilen, solange wir das können!
Meine Antwort ist also das Zitat der Athene aus dem Theaterstück, das Hauptmann 1913 – ein Jahr vor dem Krieg – als Mahnung für den Frieden geschrieben hat. Hör mir zu! Nie wieder Krieg! Wenn du den Frieden wirklich liebst, dann beginne bei dir selbst. Agiere friedlich, hasse nicht. Schließe Frieden mit dem Nachbarn, den du verachtest.
Und wenn du in deiner Nachbarschaft Neonazis hast, dann folge meinem Beispiel: Nähere dich ihnen und sprich mit ihnen – mit Liebe, nicht mit Hass. Frag sie, warum sie unglücklich sind, warum sie keinen Job haben und wo ihre Eltern sind. Die meisten dieser Jugendlichen stammen aus Familien mit massiven Problemen. Sie suchen verzweifelt einen Ausweg aus ihrem Elend, doch niemand bietet ihnen einen. Weil alle so elitär denken wie du: überheblich, als wärst du der Perfekte und Unschuldige, während alle anderen die Sünder sind. Genau so werden diese Kinder und Jugendlichen allein gelassen. Und dann folgen sie dem Ersten, der ihnen freundlich begegnet. Übrigens geschieht genau dasselbe mit vielen jungen Menschen, die zu Islamisten werden: Wenn sie in ihrer Armut und Verzweiflung leben, kommt der Prediger zu ihnen, macht sie zu Soldaten seiner Bewegung und lockt sie mit falschen Versprechungen – unter anderem mit dem Paradies und Frauen.
Willst du diese Jungendliche für die Demokratie gewinnen, Gregor? dann nähere dich denen mit authentischer Liebe und rette ihre Seelen. Tust du das nicht, aber beschuldigst sie dann, bist du Pharisäer, Gregor. Wer glaubst du eigentlich zu sein, dass du andere Menschen verurteilen darfst? Bist du ohne Schuld? Ein Unwissender oder Halbwissender!
Deine Eltern oder Großeltern verfolgten Juden und mordeten meine Ahnen in Polen und Griechenland, während meine Eltern und Großeltern Partisanen gegen die Nazis waren. Sie riskierten ihr eigenes Leben für die Freiheit von autoritären Regimen, die Meinungen verboten, Sozialisten verfolgten, Parteien wie die SPD verboten und Oppositionelle ermordeten. Du sprichst von der Schuld des Christentums an den Hexenverbrennungen, schweigst aber über Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein oder den Kreisauer Kreis – Menschen, denen gerade ihr Glaube an Jesus den Mut gab, sich gegen Hitler zu stellen und dafür mit dem eigenen Leben zu bezahlen. Es ist das Beispiel des mutigen Jesus, der ohne Angst die Wahrheit laut aussprach und dafür von den hasserfüllten Pharisäern getötet wurde. An diesem Beispiel orientieren sich die Nachfolger und Freunde Jesu – zu denen auch ich gehöre, seit er mich vor drei Jahren aus einer schweren Depression gerettet hat. Kein Psychotherapeut, kein Politiker, kein Freund und kein Pfarrer hat mich gerettet. Er hat es getan – wundervoll. Als ich beschloss, meinem Leben kein Ende zu setzen und suchte die Heilung, erschien er mir in Form eines Films im Kino in Zgorzelec. Und er hat mich gerettet.
Leider hatte Noelia, das 25-jährige spanische Mädchen, nicht so viel Glück. Sie wurde heute in Spanien durch Euthanasie getötet, weil sie nach einer Massenvergewaltigung durch afrikanische Migranten nicht mehr leben wollte. Es ist nicht die AfD oder eine andere populistische Partei, die in Spanien regiert und die Euthanasie einer behinderten, depressiven Frau ermöglicht hat - wie die Nazis damals – es ist die linke Regierung von Sánchez. Was hast du, Gregor, für all die Frauen getan, die seit 2015 wie Freiwild von Muslimen vergewaltigt werden? Weisst du dass Hitler den Islam liebte und Ataturk, den Architekten des Griechischen und Armenischen Genozides bewunderte? Deine Vorfahren waren mitverantwortlich für das Genozid meiner Vorfahren, weil meine Großeltern Überlebende des Griechischen Genozids in Pontos waren. Deine Vorfahren hofieren den Islamismus und den Faschismus in der Welt nicht nur damals, sondern auch heute, siehe die Haltung Steinmeiers zur Mullah Regime.
Du zitierst Goebbels, der nicht an die Demokratie glaubte und die Wahlen nutzen wollte, um sie abzuschaffen – und ignorierst gleichzeitig, dass dieselben Worte heute von Islamisten benutzt werden, die dich offenbar nicht stören. Die Demokratie ist mit der Scharia nicht kompatibel. Die Imame sagen klar, dass sie die Regierungen bewusst infiltrieren, um überall Muslime anzusiedeln, und dass die Scharia kommt, sobald sie die Mehrheit haben. Dass 40 % der jungen Muslime mehr an den Islam als an die Demokratie glauben, scheint dich nicht zu stören.
Während die AfD eine populistische, aber nicht verbotene und damit wählbare Partei ist (oder vertraust du dem Staat nicht, der sie für wählbar erklärt hat?), kommt die wahre Gefahr eines neuen Faschismus aus dem Islam. Einer Ideologie, die die Menschheit in bessere und schlechtere Menschen einteilt und den Tod der Letzteren erlaubt. Einer gewaltbereiten Ideologie des Terrors, die Juden täglich ermordet, Frauen versklavt und als Sexsklavinnen missbraucht, Kritiker tötet, Blasphemie mit dem Tod bestraft und Frauen keine Freiheit und Selbstbestimmung zugesteht. Das stört dich nicht – aber die AfD, in der bereits viele Frauen Politik machen und in der Juden und Homosexuelle nicht verfolgt, sondern eingeladen werden, schon. Die AfD hat mich – eine Frau und Ausländerin – eingeladen. Die Grünen, Linken und die SPD haben das leider nicht getan. Ein Brief an die „Bürger für Görlitz e.V.“, in dem ich fragte, ob ich mich politisch für die Stadt engagieren könne, blieb unbeantwortet.
Nun bin ich nicht mehr in dieser Partei, aber ich werde sie als demokratische Partei verteidigen, solange sie nicht verboten ist. Als Demokrat solltest du dasselbe tun.
Lass mich dir noch etwas über Mikis Theodorakis sagen, das du vielleicht nicht weißt: Er war immer ein Antifaschist. Während der Junta kämpfte er dagegen, aus dem Exil. Weißt du aber, dass er in den 80er-Jahren in die Politik ging und sogar für die rechte Partei Nea Dimokratia kandidierte? Weißt du, dass er mit großer Leidenschaft an den Massendemonstrationen gegen die Vergabe des Namens „Mazedonien“ an Skopje teilnahm? (Unsere linke Regierung hat diesen Namen am Ende tatsächlich zugelassen.) Für ihn war die Heimat etwas Heiliges.
Weißt du, was er damals sagte? „Ich war immer gegen den Faschismus, in jeder seiner Formen, vor allem aber in seiner gefährlichsten Form – dem Linksfaschismus.“
Ja, das hat dieser große Mann gesagt.

Und noch etwas zum Schluss: Ja, du hast recht, viele ehemalige Nazis haben in der deutschen Regierung unter der CDU gearbeitet. Die Partei, die den Osten hasste, die Nazis wieder verwendete, die Vereinigung Deutschlands behinderte und Europa wieder in den Krieg führte (Bombardierung Jugoslawiens und jetzt Aufrüstung gegen Russland), war nicht die AfD, sondern die CDU – die Partei, die Görlitz regiert. Das war die Partei der Nazis, von der du mir schreibst. Warum bist du nicht kritisch gegenüber dieser Partei, sondern verteufelst stattdessen die 45 % der Arbeiter, die AfD gewählt haben, die 1,8 Millionen Neuwähler und eine Million ehemalige SPD-, Linke- und Grünen-Wähler, die AfD nur deshalb wählen, um die Islamisierung Europas zu stoppen – also die echte Faschisierung?
Die CDU ist die Partei, die für den Aufstieg der AfD und für die Islamisierung Europas verantwortlich ist. Die solltest du angreifen!
Leider wird die AfD die Islamisierung inzwischen wohl auch nicht mehr stoppen können – es ist klar, dass sie sogar Israel gegenüber kritisch steht und Erdogan toll findet. Nein, die AfD wird genauso schlecht regieren wie die aktuelle Regierung es tut, weil es einen allgemeinen Mangel an gute Politiker, Idealisten und gute Menschen gibt. Dagegen möchte ich etwas tun. Wir müssen gute Menschen fördern, die in die Politik gehen wollen!
Und wir müssen weiter gegen den Islam kämpfen, den Faschismus des 21.Jahrunderts. Wenn du gegen Faschismus, für Menschenrechte, Säkularität und europäische Werte bist, dann bleib an meiner Seite. Wir haben dieselben Ideale.
„Nicht trennen Götter die, denen aller Menschen Heil am Herzen liegt.“
Und also wohnt der Friede unter uns.











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